Handwerk mit Maß und Maus
Veröffentlicht 24. Juni 2026
Fotorealistische KI-Visualisierungen, automatisierte Abläufe, digitale Assistenten: Die Möglichkeiten wachsen rasant. Doch Osttirols Tischler*innen sehen in der Digitalisierung keinen Selbstzweck. Sie soll Zeit schaffen für das, was Maschinen nicht ersetzen können: handwerkliches Können, Kreativität und den Umgang mit dem Werkstoff Holz. Eine von der INNOS und dem Digital Innovation Hub SÜD (DIH SÜD) initiierte Modulreihe hat gezeigt, wie das funktionieren kann.
Im Wirtschaftsleben geht es bei der Digitalisierung vor allem darum, Produktivität zu erhöhen und die wertvolle menschliche Arbeitskraft von monotonen, sich wiederholenden Tätigkeiten zu entlasten. Dabei spielt auch die Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend eine Rolle. Nicht nur in der Industrie, sondern auch im Handwerk. Aus diesem Grund hat die INNOS GmbH in Kooperation mit dem DIH SÜD eine sechsteilige Modulreihe speziell für Tischlereibetriebe aufgesetzt. Dabei ging es darum, zunächst Orientierung zu schaffen, in welchen Geschäftsbereichen man denn im eigenen Betrieb mit der Digitalisierung anfangen bzw. diese vorantreiben könnte. In der Folge wurde gepromptet, was das Zeug hält und die Potenziale der KI anhand konkreter Anwendungsfälle in Tischlereien ausgelotet. Ein anderes Modul widmete sich Trends und Ausblick in Robotik und Automatisierung, wieder ein anderes der Transport- und Lagerlogistik der Zukunft. Der Abschluss der Reihe stand unter dem Titel „Der Tischlereibetrieb im Wandel“. Dabei wurde die Kommunikation nach innen und außen kritisch hinterfragt. „Es ist unverzichtbar, die eigenen Mitarbeiter*innen mitzunehmen, weil der Erfolg neuer digitaler Prozesse von deren Akzeptanz abhängig ist“, weiß Tischlermeister Friedrich Wieser (Bau- und Möbeltischlerei Wieser) aus Strassen, der so wie Tischlermeisterin Kathrin Gardener (Tischlerei Gardener) aus Außervillgraten an sämtlichen Modulen teilgenommen hat. Die Teilnahme war übrigens für die KMU der Region kostenlos, aber keineswegs umsonst.
Vom Abstrakten zum Konkreten
Den Osttiroler Betrieben wurde nicht einfach etwas vorgesetzt. Vielmehr wurde das Format auf Basis ihrer konkreten Bedürfnisse, die über einen Online-Fragebogen erhoben wurden, aufgesetzt. Friedrich Wieser ist als Mitglied der Landesinnung der Tischler gewissermaßen das Sprachrohr der Osttiroler Tischler in der Wirtschaftskammer. Er war bereits im Vorfeld in die Ausarbeitung der Modulreihe involviert. „Wir Tischlereibetriebe sind von den Innos und dem DIH SÜD sehr gut serviciert worden“, sagt er rückblickend. Bei Osttirols Tischlern rannte man damit offene Türen ein. Digitalisierungsmuffel gebe es in der Branche keine, die Betriebe sind offen für und interessiert an Neuem. „Wir Tischler sind Tüftler. Wir sind es gewohnt, breiter zu denken“, sagt Wieser. Althergebrachtes Handwerk und Innovation schließen einander naturgemäß nicht aus. So gehören CNC-Fräsen bei Osttirols Tischler*innen mittlerweile zum vertrauten Bild, und so dürfte es zukünftig wohl auch bei der einen oder anderen KI-Anwendung sein. „Das Wort ist zwar allgegenwärtig, aber in unserem handwerklichen Kontext nach wie vor abstrakt. Im Workshop haben wir gesehen, was derzeit schon möglich ist und auch erste eigene Gehversuche unternommen“, erklärt Wieser. Der Einstieg in die Welt der KI ist niederschwellig, es braucht dazu keine teuren Investitionen. Nur gute und sinnvolle Prozesse.
Von Workshop zu Werkstatt
Angetan zeigt sich Friedrich Wieser von den fotorealistischen Darstellungsmöglichkeiten der KI, die gegenwärtig noch über sogenannte Prompts realisiert werden müssen und deswegen nicht immer zuverlässig reproduzierbar sind. Der Tischlermeister lobt die Vortragenden, die sich auf die Erfordernisse der Branche eingelassen haben. Das hat die Module relevant gemacht. „Wenn Tischlereibetriebe bestehen wollen, dann müssen sie unbedingt mit der Zeit gehen und Neues nicht verteufeln, sondern sich darauf einlassen“, meint Wieser. Denn nur so kann man sich die individuell bzw. betrieblich sinnvollen Dinge, die KI zu bieten hat, informiert auswählen und nutzen. Dabei dürfe man sich selbst und die Mitarbeiter*innen aber nicht überfordern, meint er. Digitalisierung sei kein Selbstzweck. Die zugrunde liegenden analogen Prozesse müssen sinnvoll sein, denn sonst ist nichts gewonnen. Man hat dann statt eines suboptimalen analogen eben einen suboptimalen digitalen Prozess. Friedrich Wieser hat produktionsseitig Potenzial für die KI geortet – besonders in der Arbeitsvorbereitung. „Ich mache keinen Hehl daraus, dass da in der Produktivität einiges zu holen ist, aber man muss wirklich aufpassen, dass man die Mitarbeiter mitnimmt und sie sich weiterhin mit der Arbeit und dem Werkstück identifizieren können.“ Eine Entfremdung der Arbeiter von ihrem Produkt würde dem Handwerk langfristig schaden. Friedrich Wieser ist vorsichtig, auch deshalb, weil es ihm ein Anliegen ist, eine Lehrlingsausbildung zu bieten, die diesen Namen auch verdient. „Uns werden junge Menschen anvertraut, wir als Ausbildungsbetriebe sind dafür verantwortlich, dass sie trotz modernster Technologien alle Facetten des Tischlerhandwerks von der Pike auf lernen“, sagt Wieser. Im Idealfall geht das Digitale mit dem Analogen Hand in Hand. Sonst geht auf Sicht das Handwerk verloren. „Es ist eine Herausforderung, die Gespür und Behutsamkeit braucht“, so Wieser. Eine KI kann ein Möbelstück fotorealistisch abbilden und viele andere fantastische Dinge, bauen muss es aber jemand, der den Werkstoff und sein Handwerk versteht. Friedrich Wieser sieht dementsprechend die eigene Kreativität und Handschrift der Tischler von der KI nicht in Frage gestellt.
Erste Schritte in die Praxis
Wenige Kilometer von Friedrich Wieser entfernt, im Villgratental, liegt die Tischlerei Gardener. Tischlermeisterin Kathrin Gardener hat aus Überzeugung alle angebotenen Module besucht, um sich Orientierung zu verschaffen. Die Digitalisierung hat freilich längst auch in ihrem Betrieb Einzug gehalten, die Künstliche Intelligenz ist bislang noch außen vor geblieben. „Die Workshops haben mich dafür sensibilisiert, welche potenziellen Einsatzmöglichkeiten es für KI in unserer Branche tatsächlich gibt“, sagt sie. Sie hat auch bereits einiges davon umgesetzt, vor allem im administrativen Bereich, wo die KI dabei unterstützt, die geschäftliche Korrespondenz zu führen. „Das funktioniert sehr gut, spart Zeit und bringt zugleich mehr Zeit, um uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren zu können.“ In der Produktion sieht sie für ihr insgesamt siebenköpfiges Team einstweilen noch kaum sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten. Das könnte sich in Zukunft ändern, denn ein Zubau ist bereits in der Planungsphase. Die Tischlerei ist auf individuelle Maßarbeit konzentriert, Serienfertigung ist nicht angedacht. „Ich habe von jedem einzelnen Workshop etwas Wertvolles mitgenommen“, sagt Kathrin Gardener. Sie betont den konstruktiven Austausch auch unter den Teilnehmer*innen. „Die Digitalisierung geht weiter, und auch die kleinen Betriebe werden sich ihr nicht entziehen können“, weiß Gardener, deren Tischlerei Möbel genauso wie Kastenfenster produziert und Innenausbauten – gerne auch mit Altholz – macht. Digitalisierung soll Handwerk nicht verdrängen, sondern ganz im Gegenteil Zeit freischaufeln, die bislang für Dinge aufgewendet werden muss, die sich gut automatisieren lassen.
Der Mensch bleibt im Mittelpunkt
Die Digitale Werkzeugkiste für Tischlereibetriebe war eine gute Standortbestimmung und ein Schauraum der Möglichkeiten, die die Digitalisierung auch für KMUs bieten kann. Bei Osttirols Tischler*innen sind diese auf offene Ohren gestoßen. Sie treiben die Digitalisierung in ihren Betrieben nicht mit der Brechstange voran, sondern behutsam, denn Holz ist ein analoger Werkstoff, das Handwerk und seine Tradition werden weiterhin kultiviert und letztlich steht weiterhin die wichtigste Ressource im Zentrum: Der Mensch, der sein Handwerk versteht und sich darin auch kreativ verwirklichen kann.
Unsere Partner bei der Werkzeugkiste für Tischlereibetriebe
Die einzelnen Module der "Digitalen Werkzeugkiste für Tischlereibetriebe” wurden von Vortragenden aus dem Partnernetzwerk des DIH SÜD gestaltet. Mit ihrer Expertise, ihren Praxiserfahrungen und wertvollen Impulsen haben sie maßgeblich zum Erfolg der Modulreihe beigetragen. Unser herzlicher Dank gilt: FH JOANNEUM, FH Kärnten, Fraunhofer Austria, JOANNEUM RESEARCH und TU GRAZ.
Praxisnahe Workshops rund um Digitalisierung
Der DIH SÜD veranstaltet Workshops und Weiterbildungen zu unterschiedlichen Themen der Digitalisierung. Gibt es ein Thema, dass Sie besonders interessiert? Dann melden Sie sich gerne bei uns unter info@dih-sued.at.